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München

Bericht der Süddeutschen Zeitung vom 24.05.2006
Neuer Partytrend
Bitte ein bisschen Zärtlichkeit
"Man muss sich einfach fallen lassen": Kuschel-Partys werden immer
beliebter.
Von Janek Schmidt
Das Licht ist gedimmt. In der Luft liegt der Geruch von Zitronenparfum. Aus
den dunklen Ecken ertönt indische Musik und trifft in der Mitte des Raumes auf
ein Knäuel von 40 Menschen.
"Wenn die jetzt richtig loslegen, dann kriegen wir die so schnell nicht
mehr runter von den Matratzen", wispert Alexander Baretzky und strahlt
begeistert. Er hat allen Grund zur Freude. Vor einem Jahr hat er begonnen,
Kuschelpartys in München zu organisieren, doch so viele Teilnehmer wie an
diesem Abend hatte er bislang noch nie.
Einige von ihnen sind zum ersten Mal gekommen und wirken noch etwas
verunsichert. "Ich hatte zuerst schon ein etwas mulmiges Gefühl, als ich
die vielen wildfremden Menschen hier sah", gesteht Manfred Aleithe, der
sich noch gut an seinen ersten Kuschel-Besuch erinnert. "Aber man muss sich einfach fallen lassen, dann ist es
überwältigend", verspricht er. "Sich fallen lassen!", das ist
es auch, was Alexander Baretzky den Neuankömmlingen rät, die den Weg über
einen Hinterhof in der Landwehrstraße in das Tanzstudio "Dance Spirit"
gefunden haben.
Soeben haben sie die 15 Euro Eintritt bezahlt und warten nun gespannt auf den
Kuschel-Startschuss.
Doch der fällt zunächst noch nicht. Als ausgebildeter
Kommunikations-Trainer weiß Baretzky: "Auch wenn viele schon mal hier
waren, beginnen wir lieber mit Kennenlern-Übungen." Und so setzen sich alle Teilnehmer zur Begrüßung Hände haltend in einen
Kreis und stellen sich vor. Die meisten sind um die 40 Jahre alt, rund die
Hälfte sind Frauen. Viele sind direkt von der Arbeit zur Kuschel-Party gekommen und haben sich
bequeme Klamotten angezogen: Turnhose, T-Shirt oder Leggings. Ausgezogen werden
diese auf der Party nicht. Darauf besteht Baretzky, denn er hat klare Regeln und
eine feste Kuschel-Philosophie.
Inspiriert wurde er dazu vom amerikanischen Beziehungstherapeuten Reid
Mihalko. Der organisierte vor einigen Jahren die ersten "Cuddle-Partys"
in New York. Von dort gelangte die Idee schnell in andere Städte und
schließlich auch über den Atlantik. Baretzky, der hauptberuflich ein Softwareunternehmen leitet, war von dem
Konzept begeistert. Er entschied, in seiner Freizeit auch in München
Schmuse-Partys zu organisieren. "Mittlerweile haben wir in München eine
richtige Kuschelgemeinschaft von 200 Leuten", erzählt ein begeisterter
Teilnehmer, "wir nennen uns Kuschel-Family und organisieren auch noch einen
Wasser-Kuschel und einen Rauf-Kuschel". Das Prinzip ist überall dasselbe: "Die Teilnehmer können hier ihr
Bedürfnis nach Zärtlichkeit ausleben, ohne dabei gleich Sex zu haben",
erläutert Alexander Baretzky.
Gemäß diesem Motto fährt er nun mit dem Programm fort. Die Teilnehmer
streicheln sich zunächst an den Händen und Füßen. "Genießt die
Berührungen und das Vertrauen zu den anderen", ruft Baretzky mit sanfter
Stimme ins Halbdunkel, um wenig später das eigentliche Kuscheln einzuleiten. Noch einmal dreht er das Licht etwas runter und hält die Kuschel-Freunde
dazu an, sich in einem engen Kreis zu versammeln. Das Gedränge wird immer
größer, bald knicken die ersten in den Knien ein und purzeln schließlich wie
Mikado-Stäbchen übereinander zu einer großen Menschentraube.
Singles zu Pärchen
Aus diesem Durcheinander an Armen und Beinen trennen sich mit der Zeit immer
mehr Pärchen, die eng umschlungen Laute der Zufriedenheit von sich geben.
"Jetzt muss ich ein bisschen aufpassen", flüstert Baretzky,
"weil einige Männer die Grenzen manchmal überschreiten". Einmal habe er sogar einen Teilnehmer rausschmeißen müssen, weil er die
Kuschel-Regeln nicht einhalten wollte. An diesem Abend muss Baretzky nicht
einschreiten. In trauter Zwei- und Mehrsamkeit liegen die Kuschler glücklich
über die Matratzen verteilt.
Nach etwa einer Stunde verlassen die ersten das Lager der Zärtlichkeit. Eine
47-jährige Siemens-Sekretärin sagt etwas verklärt, "es war so
sättigend, ich habe einen Mann in den Arm genommen und einfach gespürt, was er
brauchte".
Einige Streichelpaare umarmen sich auch noch, als sie den Tanzsaal in die
dunkle Nacht verlassen. "Es war eigentlich nicht Sinn der Sache, dass wir
uns hier kennenlernen", frohlocken zwei glückliche Kuschler, "aber es
hat sich einfach nicht verhindern lassen".
Infos: www.kuschelparty-muenchen.de
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